Giannes AntetokounmpoPlayers

Zweifach MVP – und jetzt?

Giannis Antetokounmpo wurde die letzten zwei Spielzeiten zum wertvollsten Spieler der Liga gewählt. Mit seinen wahnwitzigen Stats und seinem Overall-Impact offensiv wie auch defensiv, sicherte er sich sogar zusätzlich noch den Defensive Player of the Year-Titel des vergangenen Jahres.

Diese Saison sind die Zahlen ähnlich, doch die Meinungen zu Giannis scheinen sich gewandelt zu haben. Nicht zuletzt wegen der Playoff-Auftritte wird die Kritik an dem langen Griechen immer lauter.

„Giannis might be the next Shaq, but he needs a Kobe in Crunchtime“ heißt es bei “The Ringer”.

Seine Physis und Effektivität am Korb veranlasst viele Journalisten den Vergleich zu Shaq zu ziehen: dominant und von anderen Spielern nicht zu verteidigen. Doch mittlerweile werden Schwächen in Antetokounmpos Spiel vor allem in den entscheidenden Momenten immer deutlicher.

Ausbleibender Erfolg in Playoffs und Crunchtime-Struggle

Das bisherige Ausbleiben von Erfolg in den Playoffs wurde bisher vor allem Coach Budenholzer angekreidet, der es nicht schaffte, während einer 7-Spiele-Serie Adjustments vorzunehmen – besonders deutlich zu merken in den Eastern Conference Finals gegen die Raptors. Nach einer 2-0-Führung verlor das Team aus Milwaukee 4 Spiele am Stück. Aber auch Antetokounmpo war machtlos, als ab Spiel Drei sein Verteidiger auf den Namen Kawhi Leonard hörte.

Während in der Regular Season Gegner meist schnell abgefertigt werden, zeigt sich schnell: Die Bucks schlagen die schlechten Teams und überrennen ihre Gegner. Doch wird das Spiel eng, dann haben die Bucks einen entscheidenden Nachteil und der sitzt nicht nur auf der Bank der Bucks.

Giannis Antetokounmpo ist in den letzten Minuten eines engen Spiels nicht besonders gut darin, sein Team in Führung zu bringen. Das Motto der gegnerischen Defensive lautet zumeist „form a f***ing wall“. Dieses Mittel ist durchaus effektiv gegen Giannis, der trotz der vielen Arbeit an seinem Wurf immer noch mit bescheidenen 28,1% bei gut 4 Versuchen von jenseits der Dreierlinie stehen gelassen werden kann.

Hack a Giannis?

Das Ergebnis der „Wall“ ist entweder ein Offensiv-Foul oder ein Foul der Defensive. Und hier kommt eine erschreckende Entwicklung ins Spiel: Giannis Freiwurfquote nimmt mit Fortlaufen seiner Karriere ab und wird zu einer richtigen Liability für den Superstar. Seinen ansonsten immer noch unglaublich starken Stats steht hier nämlich eine desaströse Treffer-Quote von 61% bei gut 10 Versuchen gegenüber. Gegen Dallas erreichte er mit 1/10 von der Linie einen neuen Tiefpunkt. Dadurch lädt er seine Gegner praktisch ein, ihn in den entscheidenden Momenten lieber zu foulen, anstatt ihm den Weg zum Korb zu gewähren. Ähnlich wie Shaq in seinen besten Zeiten ist es die einzige Taktik, solch dominanten Spieler aufzuhalten.

Bisher zeigt die Hack-a-Giannis-Methode Wirkung, beziehungsweise zieht der Grieche in den engen Momenten schon fast gar nicht mehr zum Korb, weil er genau weiß, was ihn erwartet. Besonders deutlich wird es, wenn man sich die Usage-Rate von Giannis in Crunchtime-Momenten ansieht. Seine normale Usage-Rate liegt bei 33,6% (dritter in der NBA), aber nur bei 23,3% in Clutch-Momenten. Zum Vergleich: Letztes Jahr lag seine Clutch-Usage-Rate bei 42,3%. Ein erschreckender Rückgang bisher. Normalerweise steigt die Usage-Rate von Superstars in engen Partien.

Statt Giannis tritt Middleton nun als Closer in Erscheinung.

Giannis wirkt diese Saison teilweise wie ein Fremdkörper in den letzten Minuten des Spiels. Es scheint, als würde er um seine große Schwäche von der Freiwurflinie und die absinkenden Gegner wissen. So berührt er deutlich weniger den Ball und wird vermehrt als Blocksteller eingesetzt oder er steht als Beobachter im Dunkerspot und wartet auf Durchstecker und Putbacks. Besonders deutlich war das im ersten Aufeinandertreffen gegen die Nets zu sehen, wo seine einzigen Punkte zum Schluss per Putback kamen.

Wie sieht die Lösung aus? Frühes Playoff aus?

In der regulären Saison wird diese Schwäche nur selten zum Problem werden, einfach weil die Bucks gut genug sind, um den Großteil ihrer Spiele schon im dritten Viertel zu entscheiden. Doch spätestens zu den Playoffs, wenn die Teams sich detaillierter aufeinander einstellen, können solche Probleme über Sieg und Niederlage entscheiden. Coaching-Genies wie Nick Nurse, Brad Stevens und Erik Spolstra werden keine Sekunde zögern, die Schwächen in seinem Spiel auszunutzen.

Eine Taktik, die wir bisher von Coach Budenholzer nicht gesehen haben sind mehr Pick and Rolls zwischen seinen Flügelspielern und Guards. Bisher wird Middleton oder Holiday ein Pick von Antetokounmpo gestellt oder eine Isolation gespielt. Als Rollman strahlt Antetokounmpo aber ebenso wenig Gefahr aus. Die Defensive zieht sich zusammen und versucht, das Offensiv-Foul anzunehmen oder schickt ihn an die Linie.

Eine effektivere Lösung wäre es, Holiday als Ballführer und Middleton als Blocksteller einzusetzen. Hier müsste sich die Defensive dann entscheiden: Holiday seinen Wurf nehmen oder ihn zum Korb ziehen lassen oder Middleton frei an der Dreierlinie stehen lassen. Beide Spieler sind sehr clever und können von allen drei Ebenen ihren Wurf effektiv nehmen und ebenso den richtigen Pass spielen. Genauso kann das „Play“ auch anders herum gelaufen werden, mit Holiday als Blocksteller und Middleton als Ballhandler. Außen herum machen Shooter dann das Spiel breit und bestrafen das Absinken der Defensive.

Giannis in der Crunchtime auf die Bank? 

Wäre nicht der logische nächste Schritt Giannis in engen Spielen auf die Bank zu setzen oder neben Holiday und Middleton einfach drei weitere Shooter aufstellen, um für maximales Spacing und offensive Effektivität zu sorgen?

Nun, ich würde den amtierenden MVP nicht „benchen“, denn nebenbei ist Antetokounmpo zusätzlich noch der amtierende DPOY. Neben dem großen Problem, dass er für die Bucks-Offensive in der Crunchtime darstellt, darf man nicht vergessen, dass er 2,11 Meter groß, einer der überragenden Verteidiger der gesamten NBA und einer der Eckpfeiler in der Bucks-Defensive ist.

Auch offensiv kann er seine Rolle finden, bloß müssen wir uns eingestehen, dass der Ball bei Giannis als Go-to-Guy am Ende des Spiels nicht besonders gut aufgehoben ist. Er kann dafür Einfluss als Screener nehmen, im Dunkerspot auf Durchstecker warten und für Offensiv-Rebounds und Putbacks sorgen und dann seinen Einfluss in der Defensive nehmen.

Natürlich ist das alles Meckern auf allerhöchstem Niveau, nichtsdestotrotz haben die Bucks und Giannis keinen anderen Anspruch an sich, als den ersten Titel seit 1971 nach Milwaukee zu holen.

Für einen zweifachen MVP und amtierenden DPOY ist das alles sicherlich eine ernüchternde Feststellung. Mit seinen eklatanten Schwächen als Shooter, sowohl von der Dreierlinie als auch von der Linie bleibt dem Superstar der Bucks oftmals nichts anderes übrig, als anderen das Feld in der Offensive zu überlassen und selbst zum Nebendarsteller zu werden. Nimmt er diese Rolle jedoch an und nimmt Coach Budenholzer vielleicht die ein oder andere Änderung vor, darf das Team trotzdem vom Titel träumen.

 

Offseason Agenda für Antetokounmpo

Neben der Freiwurfschwäche sehe ich für Giannis einen weiteren Aspekt, den er in der Offseason angehen sollte. Bill Simons sprach darüber in seinem Podcast, dass Giannis die Zeit, die er in seinen Wurf steckt, lieber in seine Post-Moves investieren sollte.

Ich finde, das ist ein interessanter Ansatz, mit dem Antetokounmpo sich vor allem verlässliche Moves am Ende des Spiels aneignen kann. Gleiches tat schon LeBron nach seinem ersten verlorenen Final mit den Heat 2011. Momentan arbeitet er hier noch viel mit seiner Physis und Stärke, doch ausgestattet mit einem guten Arsenal könnte er hier noch deutlich effektiver werden. Sollte der Gegner das Doubleteam schicken, ist sein Passing-Game gut genug, um freie Schützen wie Middleton und Holiday zu finden oder den Cutter zu finden. Kommt keines, kann er easy gegen sein Matchup scoren.

Das Motto ist sozusagen „double down on your strengths“. In dem besser werden, in dem er sowieso schon gut ist: Scoring in der Zone und in der Nähe des Korbes. Als dominanter Big, der sich nicht nur auf seine Athletik und Physis verlässt, sondern dann mit Finesse am Ring seine Gegenspieler alt aussehen lässt.

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